Die Wechselwirkungen zwischen Architekturdiskussion und Freizeitarchitektur sind komplex. Dabei ist erstaunlich, zu welch spannenden Auseinandersetzungen mit der Architektur des Scheins, der Illusion und des Vergnügens sich die Diskurse entwickelten. Auf oft unvermutete und erstaunliche Weise haben gesellschaftliche Prozesse einerseits und scharf beobachtende Architekten andererseits die Architektur bereichert.
Es war ein Paukenschlag. Mit „Learning from Las Vegas“ hatten Robert Venturi, Denis Scott Brown und Steven Izenour 1972 zum ersten Mal den Blick auf das gelenkt, was Architekten bis dahin (und auch lange danach noch) ausgeblendet hatten: auf die ubiquitäre Alltagsarchitektur, die nichts mehr mit den Maßstäben von Wahrheit oder funktionalistischen Kriterien gemein hatte, an denen Architekten ihre Arbeiten gemessen sehen wollten. Was Venturi, Scott Brown und Izenour in Las Vegas fanden, war die Wucherung von grellen Fassaden vor einfachen Gebäudetypen, einen Strip aus Schildern und Reklame, die den Besucher animieren sollten, seine freie Zeit und sein Geld in den Spielhöllen und für Shows auszugeben.
Diese Freizeitarchitektur war Stimmungsarchitektur, eine, die mit den Sehnsüchten, den Wünschen und Träumen der Menschen spielte, und die deren Geschmacksvorstellungen präziser entsprach, als es der Architektur der intellektuellen Diskurse gelungen war. In die architektonischen Konzepte von Venturi, Scott Brown und Izenour flossen die Beobachtungen ein, die sie in Las Vegas gemacht hatten – ihr spielerischer Umgang mit symbolischen Verweisen, mit Zitaten, wenngleich ironisch gebrochen und verfremdet, machte sie zu den Pionieren der Postmoderne. Indem sie nachvollzogen und reflektierten, was sich unbeachtet vollzogen hatte, stellten sie in der Architekturdiskussion eine Form des Realitätsbezugs her, der ihr zu entgleiten drohte.
Vorbild für ein neues Architekturkonzept
Bald schon nach „Learning from Las Vegas“ richtete ein anderer den Blick auf die Freizeitarchitektur – und die Wirkung sollte ebenso nachhaltig sein wie die von Venturi, Scott Brown und Izenour. Diesmal war es ein Europäer, und diesmal war es nicht die verruchte und künstliche Stadt in der Wüste, auf die der Blick gerichtet wurde, sondern New York. In seinem Essay „Delirious New York“ machte 1978 Rem Koolhaas, heute mit höchsten Ehren ausgezeichnet und einer der einflussreichsten Architekten, den New Yorker Vergnügungspark von Coney Island zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen. Er las Coney Island als „Laboratorium des kollektiven Unbewussten“ und wies nach, wie sich die Charakteristika dieses „Miniatur-Manhattan“ im echten Manhattan widerspiegelte. Koolhaas entwickelte daraus die Strategie der Gleichzeitigkeit und räumlichen Überlagerung von Programmen, Funktionen, Konzepten und Ideologien – erneut hatte die Vergnügungsarchitektur, diesmal auf einem abstrakteren Niveau, Eingang in den Architekturdiskurs gefunden.
Mobilität und Tourismus
Doch auch wenn es lange dauerte, bis Koolhaas' Buch in der Diskussion wahrgenommen wurde, hatte es doch auch nur auf eine Entwicklung verwiesen, die bereits stattgefunden hatte – und die noch lange keinen Endpunkt erreicht hatte. Denn auch auf größerer und stadtstruktureller Ebene fanden Prozesse statt, die die Innenstädte verwandelten. Unbeeindruckt von der Kritik an der funktionsgetrennten Stadt vollzog sich weiter deren Segmentierung. Familien zogen an die Ränder der Städte ins Eigenheim und fuhren zum Arbeiten und Einkaufen mit dem Auto in die Stadt. Industrie und Gewerbe verließen die Städte, da ihre Anforderungen an Grundstücks- und Gebäudegrößen, an Verkehrsanbindung und an Entwicklungsfreiheit in der Innenstadt nicht erfüllt werden konnten. Es blieben Bürohäuser, Wohnungen für Benachteiligte und das Einkaufsangebot, aber auch das drohte noch zu erodieren. In einem komplexen Prozess, in dem die Städte um Einwohner, Einkaufskunden, Gewerbetreibende und Dienstleister buhlten, wurden daher innerstädtische Wohnquartiere und öffentliche Räume aufgewertet, wurde in Kultur investiert, um vor allem für die kaufkräftige Schicht die Stadt wieder attraktiv zu machen.
Parallel dazu vollzog sich, ebenfalls als eine Folge der immer größeren Möglichkeiten zur Mobilität, eine andere Entwicklung: Die Menschen konnten in der Urlaubszeit in andere Länder fahren. Von dort brachten sie Erinnerungen und Bilder mit nach Hause, vor allem aber die Erfahrung, mit den Augen des Touristen zu sehen. Diese Erfahrung haben sich nicht nur die Städte zu nutze gemacht. Hatten Jahrmärkte oder zoologische Gärten früher noch mit den Bildern der Fremde und Exotik gespielt und geworben, deren Vorbilder keiner ihrer Besucher möglicherweise tatsächlich gesehen hatte, so änderte sich dies nun: Freizeitparks bildeten das nach, von dem sie wussten, dass es den Besuchern vertraut war und dass sie damit angenehme Erinnerungen verbanden. Am deutlichsten ist dies in Rust im Europa-Park zu studieren. In einzelnen, europäischen Ländern gewidmeten Sektionen werden atmosphärisch stimmige Ensembles des jeweiligen Landes nachgebildet – bis vor kurzem kam man bei diesem überaus erfolgreichen Konzept, das von dem Architekten Ulrich Damrau entwickelt wurde, ohne Nachbildungen tatsächlich existierender Gebäude aus.
Doch die Erfahrung des touristischen Sehens hatte weitere Konsequenzen. Nun wurden eben auch die Städte selbst touristisch, und zwar in zweifacher Hinsicht. Zum einen nahmen Bewohner ihre eigenen Monumente und Denkmäler, den ganzen historischen Innenstadtkomplex anders wahr. Zum anderen präsentierte man die Stadt nun nicht mehr nur für hochqualifizierte Berufstätige und gute Einkaufskunden, sondern auch für Touristen, die inzwischen für jede größere Stadt ein unverzichtbarer wirtschaftlicher Faktor sind. Historische Kulissen werden nachgebaut, deren reale Vorbilder schon lange zerstört sind, wie etwa die Bebauung am Frankfurter Römer. Und Elemente der Freizeitarchitektur sind nun auch außerhalb der dafür vorgesehenen Orte Teil der alltäglichen Stadtinszenierung geworden: als temporäre Bauten zu Stadtfesten und Events, aber auch als permanente Einrichtung. Das Riesenrad in London ist eines der signifikantesten Beispiele dafür; auch in Berlin diskutiert man schon seit einiger Zeit darüber, ebenfalls ein Riesenrad zu errichten. Dass der Fernsehturm am Alexanderplatz für die Zeit bis zum Ende der Fußball-WM als Fußball verkleidet wird, verblasst vor dieser Option zur kuriosen Randnotiz.
Architektur nobilitiert
Hatte die Architektur sich bislang mit diesen Entwicklungen auseinandergesetzt und in ihre Konzeptionen eingebunden, so profitiert sie nun ihrerseits davon. War bislang Avantgarde-Architektur als Distinktionsfaktor den Einrichtungen der Freizeit überwiegend vorenthalten, so ändert sich nun auch dies. Um dies zu illustrieren, reicht ein Blick nach München. Vor einigen Jahren war es noch kaum denkbar, dass ein Stadion – auch ohne den Rückenwind von Olympischen Spielen, der dem Olympiastadion zum architektonischen Meisterwerk verhalf – als einer der architektonischen Höhepunkte des Jahres diskutiert wird. Doch spätestens mit der Allianz-Arena von Herzog & de Meuron ist dies anders. Dies ist keine Proletenschüssel mehr, sondern elaborierte und komplexe Architektur, die von der Nobilitierung des Freizeitvergnügens Stadionbesuch ebenso profitiert wie sie diese befördert. Die Freizeit ist wie in einer großen Schlaufe erneut in der Architekturdiskussion angekommen.
Es war ein Paukenschlag. Mit „Learning from Las Vegas“ hatten Robert Venturi, Denis Scott Brown und Steven Izenour 1972 zum ersten Mal den Blick auf das gelenkt, was Architekten bis dahin (und auch lange danach noch) ausgeblendet hatten: auf die ubiquitäre Alltagsarchitektur, die nichts mehr mit den Maßstäben von Wahrheit oder funktionalistischen Kriterien gemein hatte, an denen Architekten ihre Arbeiten gemessen sehen wollten. Was Venturi, Scott Brown und Izenour in Las Vegas fanden, war die Wucherung von grellen Fassaden vor einfachen Gebäudetypen, einen Strip aus Schildern und Reklame, die den Besucher animieren sollten, seine freie Zeit und sein Geld in den Spielhöllen und für Shows auszugeben.
Diese Freizeitarchitektur war Stimmungsarchitektur, eine, die mit den Sehnsüchten, den Wünschen und Träumen der Menschen spielte, und die deren Geschmacksvorstellungen präziser entsprach, als es der Architektur der intellektuellen Diskurse gelungen war. In die architektonischen Konzepte von Venturi, Scott Brown und Izenour flossen die Beobachtungen ein, die sie in Las Vegas gemacht hatten – ihr spielerischer Umgang mit symbolischen Verweisen, mit Zitaten, wenngleich ironisch gebrochen und verfremdet, machte sie zu den Pionieren der Postmoderne. Indem sie nachvollzogen und reflektierten, was sich unbeachtet vollzogen hatte, stellten sie in der Architekturdiskussion eine Form des Realitätsbezugs her, der ihr zu entgleiten drohte. ...