Ist ein Flachdach von oben einsehbar, wird es zur fünften Fassade am Gebäude. Eine Begrünung ist aus vielerlei Gründen sinnvoll. Bei der Planung ist jedoch das reibungslose Zusammenwirken der verschiedenen Disziplinen und Gewerke besonders wichtig. Daher fand in München eine Diskussionsrunde statt, in der Experten aus Wissenschaft, Stadtplanung, Architektur und Industrie am runden Tisch gemeinsam das Thema „Gründach als fünfte Fassade“ aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchteten.
Der alte Traum von der grünen Stadt erhält neue Bedeutung. Immer mehr junge Familien zieht es mitten in die Stadt. War früher das Einfamilienhaus im Grünen das Wohnideal, so möchten heute viele Menschen nicht mehr in Vorstädten oder in Umlandgemeinden leben, sondern im Stadtzentrum. Die steinerne Stadt, wie wir sie von früher kennen, ist dafür natürlich nicht das Leitbild, sondern innerstädtische Grünoasen sind gefragt. Vor diesem Hintergrund erhalten Dachbegrünungen eine neue Aktualität.
Öffentliches Interesse
Das Gründach ist nicht nur psychologisch und ästhetisch wertvoll, weil es dem Städter ein kleines Stück Natur und meist einen angenehmeren Anblick als ein unbegrüntes Dach bietet; es ist vor allem ökologisch sinnvoll. Durch die Möglichkeit Niederschlagswasser zu speichern, das dann langsam wieder an die Umgebung abgegeben wird, mildert es den sommerlichen Hitzestau auf dem Dach und sorgt damit in den überhitzen Innenstädten für ein besseres Mikroklima. Die Anzahl der so genannten Biergartentage (um 21 Uhr noch 21 Grad) ist in den eng bebauten Städten schon jetzt doppelt so hoch wie in ländlichen Regionen. „Mit der bewussten Begrünung der Dächer könnte auch die Luftzirkulation regelrecht gesteuert werden“, führte der Biometeorologe Prof. Peter Höppe, Leiter der Georisikoforschung der Münchner Rückversicherung, an. „Dachbegrünungen und die Freihaltung von Frischluftschneisen können helfen, das Klima im Wohnumfeld der Menschen positiv zu verändern.“ Seit Städte an den Pranger gestellt werden, wenn die Feinstaubbelastung in der Luft zu hoch ist, kommt ein weiterer Vorteil von Dachbegrünungen zum Tragen: die Senkung der Staubbelastung. Die Pflanzen binden den Feinstaub, der für viele Menschen eine große Belastung bedeutet.
Auch aus einem anderen Grund haben die Kommunen ein starkes Interesse daran, dass Dächer begrünt werden. Durch deren Schwammfunktion bietet sich Städten und Gemeinden die Möglichkeit, auf teure Wasserrückhaltebecken zu verzichten. „Ein Regenüberlaufbecken kostet bis zu 500.000 Euro, die eingespart werden könnten“, führte Fritz Hämmerle, Vorstandsmitglied der FBB (Fachvereinigung Bauwerksbegrünung e.V.), an. „Das muss in den Stadtratsitzungen auf den Tisch gebracht werden.“ Je nach Region kann ein Gründach 30 - 99 Prozent des Jahresniederschlags binden: Dünnschichtige, extensive Dachbegrünungen speichern etwa 50 Prozent des Wassers, intensive fast bis zu 100 Prozent. Viele Städte haben Dachbegrünungen daher im Bebauungsplan festgeschrieben. Andrea Gebhard setzte während ihrer Zeit als Stadtplanerin in München durch, dass ab 100 Quadratmetern Flachdachfläche ein Gründach gefordert wird. „Die unterschiedlichen Auflagen in den verschiedenen Kommunen sind allerdings kontraproduktiv, da Unternehmen häufig dort bauen, wo keine Auflagen bestehen.“
Fördermöglichkeiten
Finanzielle Anreize für die Bauherren sind daher aussichtsreicher. In den Kommunen gibt es unterschiedliche Förderprogramme, da das Baurecht ja in der Hand der jeweiligen örtlichen Verwaltungen liegt, so dass jede Gemeinde ein eigenständiges Recht hat, solche Fördermaß-nahmen aufzulegen oder darauf zu verzichten. Zu unterscheiden ist zwischen direkter und indirekter Unterstützung. Eine Umfrage ergab, dass die direkten Zuschüsse vielerorts bei über 10 Euro pro Quadratmeter Dachfläche liegen, allerdings auch mit festgesetzten Maximalförderbeträgen. In vielen Gemeinden wählt man aber den Weg der indirekten Förderung über die sogenannte gesplittete Abwassersatzung, die den Bauherren die Möglichkeit bietet, Gebühren zu sparen. Grundidee ist, dass die Abwassergebühr sich nicht mehr einfach nach dem Trinkwasserverbrauch richtet. Denn dies benachteiligt Privathaushalte und bevorzugt industrielle Unternemen, da diese häufig nur wenig Wasser verbrauchen, aber durch große versiegelte Flächen hohe Mengen an Niederschlagswasser in die öffentliche Kanalisation einleiten. Die dadurch entstehenden Kosten müssen dann von der Allgemeinheit getragen werden. Bei der gesplitteten Abwassersatzung hingegen setzt sich die Gebühr aus einem Anteil für das verschmutzte Trinkwasser und einem für das Niederschlagswasser zusammen, wobei letzterer anhand der versiegelten Flächen mit Kanalanschluss berechnet wird. Wer also durch eine Dachbegrünung Flächen entsiegelt, kann Gebühren sparen: in der Regel 50 -100 Prozent der Niederschlagswassergebühr. Das sind im Durchschnitt Einsparungen gegenüber einem unbegrünten Dach von etwa 0,50 Euro pro Quadratmeter und Jahr. Auch auf Länderebene kümmert man sich um das Thema Gründach, allerdings haben nur die Bundesländer Bremen und Nordrhein-Westfalen ein landesweit gültiges Förderprogramm aufgelegt. Dort werden Dachbegrünungen, die einen hohen Qualitätsstandard aufweisen, mit direkten finanziellen Zuwendungen gefördert. ...