Seit Beginn der Industrialisierung ist städtebauliches Wachstum in den Industrieländern zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Diese Epoche neigt sich seit geraumer Zeit ihrem Ende zu. Die Bevölkerung der „alten“ Industriestaaten wie Deutschland, Italien, Japan oder auch Russland verringert sich. Speziell in Ostdeutschland setzte ein dramatischer Rückgang der Bevölkerungszahl durch massive Abwanderung und Geburtenrückgang ein. Derzeit stehen etwa 1,3 Millionen ostdeutsche Wohnungen leer, Tendenz steigend. Lässt sich „Stadtschrumpfung“ nachhaltig planen? Bieten die massiv eingesetzten Plattenbausysteme Möglichkeiten zu einem systematischen Rückbau? Drei Beispiele zeigen, wie’s geht.
Traditionell geht Planung vom Wachstum aus. Die Steuerung von Stadtumbau in Zeiten der Schrumpfung erfordert jedoch ein Umdenken der Planer und andere Planungsinstrumente. Überzeugende Strategien für den gelungenen Stadtrückbau hat die thüringische Stadt Leinefelde entwickelt. Für das gelungene Stadtumbaukonzept und zwei der inzwischen daraus hervorgegangenen Projekte hat die Stadt den Europäischen Städtebaupreis 2004 erhalten.
Nach der Teilung Deutschlands wurde das strukturschwache Städtchen Leinefelde zwischen Harz und Thüringer Wald durch die „künstliche“ Ansiedlung von Industrie gestärkt. Mit dem Bau einer Baumwollspinnerei und einer Zementfabrik wurden zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen. Durch den gesteuerten Zuzug der Werktätigen wuchs die Bevölkerung bis zum Ende der 80er Jahre auf ca. 16.000 Einwohner an. Davon lebten ca. 13.000 in der neu aus dem Boden gestampften Plattenbausiedlung “Südstadt”. Mit der Aufgabe der Baumwollspinnerei nach 1989 setzte jedoch durch den stetigen Rückgang der Bevölkerungszahl der Verfall der Plattenbausiedlung ein. Infolge der wirtschaftlichen Stabilisierung verlangsamte sich die Abwanderung deutlich. Langfristig wurde jedoch deutlich weniger Wohnraum benötigt, als er in der Planstadt vorhanden war.